unabhängig & überparteilich

Wir werden alles selber machen müssen

Zeit des Zorns (2)

„Der Kapitalismus ist schon im Normalzustand eine Katastrophe für Mensch und Natur. Es gibt ihn nicht ohne Profit und nicht ohne Ausbeutung“, hieß es - gestützt auf Karl Marx - in der Streitschrift “Zeit des Zorns“ von Jutta Ditfurth. Inzwischen sind wir weit über den Normalzustand hinaus. Jammern hilft da aber nicht. Es gibt viel zu tun.

Hier nun der 2.Teil des Kapitel "Wir werden alles selber machen müssen", der weitere Antworten zum was und wie gibt, für dessen Abdruckrechte die Redaktion dem Droemer Verlag ganz herzlich dankt.

Die Autorin

Jutta_Ditfurth_200x300Jutta Ditfurth, geboren 1951, lebt in Frankfurt am Main.

Publizistin und politische Aktivistin in neuen sozialen Bewegungen (u.a. Mitbegründerin der Grünen und Bundesvorsitzende von 1984-1988) und in der »Ökologischen Linken«, Mitglied des Frankfurter Stadtparlaments für »ÖkoLinX«.

Autorin zahlreicher Bücher, u.a.
  • "Rudi und Ulrike.
    Geschichte einer Freundschaft"
    (2008),
  • "Ulrike Meinhof.
    Die Biographie"
    (2007),
  • "Durch unsichtbare Mauern.
    Wie wird so eine links?"
    (2002),
  • "Die Himmelsstürmerin"
    (Roman 1998).
© Foto: Kurt Steinhausen 2007

Wir werden alles selber machen müssen [Teil 2] (Teil 1)

Die Justiz unterscheidet nicht mehr zwischen Sachen und Menschen. Die Straftat »Landfriedensbruch« setzt die Beschädigung einer Sache mit der Verletzung von Menschen gleich und nennt beides Gewalt. Auf diese Weise kamen die Göteborger Demonstranten länger ins Gefängnis als die Folterer von Genua.

Wir hingegen unterscheiden: Menschen sind uns mehr wert als Dinge. Es war wunderbar, dass die Bauern und Winzer vom Kaiserstuhl, als sie auf den ausgelatschten Trampelpfaden der Bürgerbeschwerden nichts erreichten, einen Zaun durchschnitten und ganz handgreiflich einen Bauplatz besetzten, um das Atomkraftwerk in Wyhl zu verhindern, was ihnen auf diese Weise und mit ein paar weiteren Aktionen und in wachsenden Bündnissen gelang.

Unserer staatsunabhängigen, gewaltfreien, aber phasenweise auch militanten Anti-AKW-Bewegung der 1970er Jahre gelang es, direkt und indirekt, rund 70 geplante Atomkraftwerke in Deutschland zu verhindern(318), in wenigen Jahren, ohne Staatsgelder und ohne auch nur einen parlamentarischen Vertreter. Ihre Politisierung, ihre Unberechenbarkeit und ihr Erfolg waren der Grund, warum die erste Anti-AKW-Bewegung im Deutschen Herbst von 1977 unter die Räder des Staates kam, ohne dass ihr aber bisher ihre Erfolge wieder abgenommen werden konnten.

Ein Teil dieses Selbstbewusstseins kommt manchmal ab­handen. Eine politische und geschichtsbewusste Anti-Atom-Bewegung würde sich von den verkommenen Grünen nicht als PR-Kulisse missbrauchen lassen, wie Ende 2008 bei den Castor-Transporten im Wendland geschehen. Da fiel sie hinter bereits gewonnene Erkenntnisse zurück. Immerhin sind diese Grünen nicht nur Kriegspartei und verantwortlich für die Agenda 2010, sondern haben als Regierungspartei auch mit dem »Energiekonsens« die zentrale Forderung der Anti-AKW-Bewegung verraten, die da hieß: »Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen.« Mit diesem Energiekonsens haben die Grünen dem Atomkapital und den Energiekonzernen das Hintertürchen geliefert, das sie heute nutzen, um Atomanlagen länger laufen zu lassen.

AKWWyhl-1
Demo gegen AKW Wyhl an der NATO-Rampe in den 70er Jahren
Quelle: vorort.bund.net





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