unabhängig & überparteilich

Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft

Zeit des Zorns

Mit dieser Streitschrift möchte Jutta Ditfurth den Zorn der Krise für neue Bündnisse nützen. Das hier veröffentlichte Kapitel "Wir werden alles selber machen müssen", gibt einige Antworten zum was und wie, für dessen Abdruckrechte die Redaktion dem Droemer Verlag ganz herzlich dankt.

Die Autorin

Jutta_Ditfurth_200x300Jutta Ditfurth, geboren 1951, lebt in Frankfurt am Main.

Publizistin und politische Aktivistin in neuen sozialen Bewegungen (u.a. Mitbegründerin der Grünen und Bundesvorsitzende von 1984-1988) und in der »Ökologischen Linken«, Mitglied des Frankfurter Stadtparlaments für »ÖkoLinX«.

Autorin zahlreicher Bücher, u.a.
  • "Rudi und Ulrike.
    Geschichte einer Freundschaft"
    (2008),
  • "Ulrike Meinhof.
    Die Biographie"
    (2007),
  • "Durch unsichtbare Mauern.
    Wie wird so eine links?"
    (2002),
  • "Die Himmelsstürmerin"
    (Roman 1998).
© Foto: Kurt Steinhausen 2007

Wir werden alles selber machen müssen


Das Gift des Nationalismus ist in Deutschland immer virulent. Es wird gern gespritzt, wenn dem Kapitalismus Gefahr droht. Dann entwickelt sich die Ideologie der »nationalen Schicksalsgemeinschaft«, und auf einmal – hast du nicht gesehen? – gibt es keine sozialen Klassen mehr und keine internationale Solidarität. Es wird unterstellt, dass ausgerechnet der kapitalistische deutsche Staat eine fürsorgliche, auf das Wohl aller Deutschen – vor allem der schwächsten – ausgerichtete Institution ist. Der Arbeitslose in England, der Wanderarbeiter in China, die Gewerkschafterin in Venezuela, der revoltierende Jugendliche in Griechenland – alle rücken plötzlich weit weg. Dem national berauschten Deutschen ist sein deutscher Kapitalist näher als ein Mensch ähnlicher sozialer Lage, der wie der Zufall der Geburt es so will, in einem anderen Teil der Welt aufgewachsen ist. Einmal mit Pomp und Fahnen Mitglied der nationalen Schicksalsgemeinschaft geworden, wird die Opfer- und Verzichtsbereitschaft des deutschen Untertanen größer. Dafür verspricht – zurzeit auch seine gläubigsten Anhänger nur schwer überzeugend – der Staat dann ja auch scheinbaren Schutz: vor größeren Schicksalsschlägen, vor Fremden, vor Veränderungen und anderen »Sicherheits«-Problemen. Wirklich wertvolle Grundwerte wie soziale Gleichheit aller Menschen, Freiheit von Ausbeutung, Erniedrigung, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus, Solidarität über alle nationalen Grenzen hinweg und eine umfassende gesellschaftliche Emanzipation hat die Nation niemals im Angebot. Ganz besonders nicht die deutsche, die nicht mal ein Recht auf »résistance« kennt.

200px-Battle-Mars-Le-Tour-large Deutsch-Französische Krieg 1870–1871.
Auslöser war ein Streit um die spanische Thronfolge. Der Krieg ist der dritte und letzte der Deutschen Einigungskriege. In seiner Folge kam es zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches und zum Ende des Zweiten Kaiserreichs Napoléons III.
Quelle: wikipedia
Was ist »deutsch« außer einem Zufall der Geburt?

Wie absurd und armselig ist die Identifikation mit einer Nation? Und dann mit dieser. Das Deutsche Reich wurde auf dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gegründet, den Bismarck angezettelt hatte, um unter preußischer Führung die Großmacht zu errichten. Im Krieg brannten deutsche Truppen französische Städte nieder und töteten mit Vorliebe Zivilisten, die es wagten, sich gegen die Eindringlinge zu wehren. Sie belagerten Paris, die Menschen hungerten und aßen Ratten. Zur Demütigung Frankreichs ließ sich Kaiser Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles krönen. Vier Jahre vorher, auf der Weltausstellung in Paris, hatten sich die Pariser über die preußischen Exponate lustig gemacht: eine Kruppsche Kanone und ein überlebensgroßes Reiterstandbild des preußischen Königs. Die siegreichen deutschen Armeen lagen noch vor der Stadt, als im März 1871 in Paris eine Revolution ausbrach: die Kommune.





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